Ephe­ser 1,1–2

“Pau­lus, ein Apos­tel Chris­ti Jesu durch den Wil­len Got­tes, an die Hei­li­gen in Ephe­sus, die Gläu­bi­gen in Chris­tus Jesus: Gna­de sei mit euch und Frie­de von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Chris­tus!”

Die Wor­te des Apos­tels Pau­lus am Anfang sei­nes Brie­fes an die Gemein­de in Ephe­sus klin­gen zunächst wie eine ein­fa­che Begrü­ßung, doch bei genaue­rer Betrach­tung offen­ba­ren sie eine tie­fe Wahr­heit über das christ­li­che Leben und die Iden­ti­tät jedes Gläu­bi­gen. Wenn Pau­lus sich als Apos­tel Chris­ti Jesu durch den Wil­len Got­tes vor­stellt, macht er eine fun­da­men­ta­le Aus­sa­ge über sei­ne Beru­fung und damit auch über die Beru­fung eines jeden Chris­ten. Er ver­dankt sei­ne Posi­ti­on nicht eige­ner Anstren­gung oder mensch­li­cher Ernen­nung, son­dern allein dem sou­ve­rä­nen Wil­len Got­tes. Die­se Ein­sicht ist befrei­end und her­aus­for­dernd zugleich, denn sie zeigt uns, dass unser Leben und unse­re Auf­ga­ben nicht zufäl­lig sind, son­dern einem gött­li­chen Plan ent­sprin­gen. In einer Zeit, in der Men­schen oft nach Bestä­ti­gung und Aner­ken­nung suchen, erin­nert uns Pau­lus dar­an, dass unse­re wah­re Iden­ti­tät und unser Auf­trag in Got­tes Wil­len begrün­det sind.

Die Anre­de an die Hei­li­gen in Ephe­sus ist bemer­kens­wert, weil Pau­lus damit nicht eine mora­li­sche Voll­kom­men­heit beschreibt, son­dern einen Sta­tus, den Gott den Gläu­bi­gen zuge­spro­chen hat. Hei­lig zu sein bedeu­tet in bibli­schem Sin­ne, für Gott abge­son­dert und ihm geweiht zu sein. Die­se Bezeich­nung gilt jedem, der an Jesus Chris­tus glaubt und zu ihm gehört. Sie ist kei­ne Aus­zeich­nung für beson­de­re Leis­tun­gen, son­dern ein Geschenk der gött­li­chen Gna­de. Wenn wir uns als Hei­li­ge ver­ste­hen, ver­än­dert das unse­re Per­spek­ti­ve auf uns selbst und auf ande­re Gläu­bi­ge. Wir sind nicht mehr Men­schen, die ver­su­chen müs­sen, durch eige­ne Kraft gut genug zu wer­den, son­dern wir sind bereits von Gott ange­nom­men und für sei­nen Dienst bestimmt. Die­se Wahr­heit kann uns hel­fen, aus dem Kreis­lauf von Selbst­zwei­feln und Leis­tungs­druck aus­zu­bre­chen.

Lei­der gibt es immer wie­der Chris­ten, beson­ders jun­ge, ernst­haf­te und bibel­treue Chris­ten, die unter einem from­men Leis­tungs­druck ste­hen, weil sie glau­ben, nur durch strik­te Ein­hal­tung bestimm­ter Ord­nun­gen und Regeln Gott wirk­lich gefal­len zu kön­nen. In sozia­len Netz­wer­ken wird die­se Hal­tung oft noch ver­stärkt: Dort wird Fröm­mig­keit manch­mal wie ein Wett­be­werb prä­sen­tiert, als müs­se man bewei­sen, wie kon­se­quent, gehor­sam oder „rein“ man lebt. Doch die­ser Druck führt nicht in die Frei­heit des Evan­ge­li­ums, son­dern in eine sub­ti­le Form der Gesetz­lich­keit. Statt in der Gna­de zu ruhen, gera­ten vie­le in Angst, nicht genug zu sein. Dabei ist genau das Gegen­teil die Wahr­heit: Wir sind hei­lig, weil Chris­tus uns gehei­ligt hat; nicht, weil wir alles rich­tig machen. Wer das ver­gisst, ver­liert die Freu­de des Glau­bens und ver­engt das Evan­ge­li­um zu einer Lis­te von Pflich­ten, die nie­mand tra­gen kann.

Der Zusatz, dass die Hei­li­gen auch die Gläu­bi­gen in Chris­tus Jesus sind, unter­streicht die Grund­la­ge die­ser neu­en Iden­ti­tät. Der Glau­be ist das ver­bin­den­de Ele­ment, das uns mit Chris­tus ver­eint und zu Teil­ha­bern sei­ner Gna­de macht. Pau­lus ver­wen­det die For­mu­lie­rung “in Chris­tus” oder ähn­li­che Wen­dun­gen über hun­dert Mal in sei­nen Brie­fen, was zeigt, wie zen­tral die­se Ver­bin­dung für das christ­li­che Leben ist. In Chris­tus zu sein bedeu­tet, in eine leben­di­ge Bezie­hung mit ihm ein­ge­tre­ten zu sein, die unser gan­zes Dasein prägt. Es geht nicht um eine ober­fläch­li­che reli­giö­se Zuge­hö­rig­keit, son­dern um eine tie­fe Ein­heit mit dem Sohn Got­tes. Jesus selbst sprach davon in Johan­nes 15,4: “Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe kei­ne Frucht brin­gen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Wein­stock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.” Die­se Bild­spra­che macht deut­lich, dass unser geist­li­ches Leben von der Ver­bin­dung zu Chris­tus abhängt.

Der Segens­wunsch, den Pau­lus aus­spricht, ist mehr als eine freund­li­che Flos­kel. Gna­de und Frie­de sind die bei­den gro­ßen Gaben, die Gott den Men­schen durch Jesus Chris­tus schenkt. Die Gna­de ist die unver­dien­te Zuwen­dung Got­tes, die uns ret­tet und im Glau­ben trägt. Sie ist das Fun­da­ment des Evan­ge­li­ums und steht in kras­sem Gegen­satz zu allen reli­giö­sen Sys­te­men, die auf mensch­li­cher Leis­tung basie­ren. Pau­lus schreibt in Ephe­ser 2,8: “Denn aus Gna­de seid ihr geret­tet durch Glau­ben, und das nicht aus euch: Got­tes Gabe ist es.” Die­se Gna­de ist nicht nur der Anfang unse­res Glau­bens­le­bens, son­dern beglei­tet uns jeden Tag neu. Sie ermög­licht es uns, trotz unse­rer Feh­ler und Schwä­chen in der Gegen­wart Got­tes zu leben und zu wach­sen. Der Frie­de, den Pau­lus erwähnt, ist nicht ein­fach die Abwe­sen­heit von Kon­flik­ten, son­dern ein umfas­sen­der Zustand des Wohl­erge­hens, der aus der Ver­söh­nung mit Gott erwächst. Jesus ver­sprach sei­nen Jün­gern in Johan­nes 14,27: “Frie­den las­se ich euch, mei­nen Frie­den gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschre­cke nicht und fürch­te sich nicht.” Die­ser gött­li­che Frie­de ist eine Rea­li­tät, die auch in schwie­ri­gen Lebens­um­stän­den bestehen kann, weil er auf der Gewiss­heit grün­det, dass wir mit Gott im Rei­nen sind.

Beson­ders bemer­kens­wert ist, dass Pau­lus sowohl Gott, unse­ren Vater, als auch den Herrn Jesus Chris­tus als Quel­le von Gna­de und Frie­den nennt. Die­se For­mu­lie­rung zeigt die enge Ver­bin­dung zwi­schen Vater und Sohn und weist auf die gött­li­che Natur Jesu hin. Die Tat­sa­che, dass Gott als unser Vater bezeich­net wird, unter­streicht die neue fami­liä­re Bezie­hung, in die Gläu­bi­ge durch Chris­tus ein­ge­tre­ten sind. Wir sind nicht mehr Frem­de oder Fein­de Got­tes, son­dern sei­ne Kin­der, die direk­ten Zugang zu ihm haben. Die­se Vater­schaft Got­tes ist nicht selbst­ver­ständ­lich, son­dern wur­de uns durch das Erlö­sungs­werk Jesu geschenkt. Der Refor­ma­tor Mar­tin Luther schrieb über die Bedeu­tung die­ser Anre­de: “Wir sol­len Gott ver­trau­en und zu ihm sagen: Vater. Denn wer ihn so nen­nen kann, der hat gewon­nen. Der hat den Him­mel erobert.” Die­se Wor­te erin­nern uns dar­an, welch gro­ßes Vor­recht es ist, Gott als Vater anre­den zu dür­fen.

Die Bezeich­nung Jesu als Herr ist eben­falls von gro­ßer Bedeu­tung. Der Titel Herr war in der römi­schen Welt dem Kai­ser vor­be­hal­ten und drück­te abso­lu­te Auto­ri­tät aus. Wenn Chris­ten Jesus als Herrn bekann­ten, war das nicht nur ein theo­lo­gi­sches State­ment, son­dern auch ein poli­ti­sches Bekennt­nis, das sie manch­mal das Leben kos­ten konn­te. Jesus als Herrn anzu­er­ken­nen bedeu­tet, ihm die höchs­te Auto­ri­tät in unse­rem Leben ein­zu­räu­men und bereit zu sein, sei­nen Wil­len über unse­re eige­nen Plä­ne und Wün­sche zu stel­len. Pau­lus selbst war ein Bei­spiel für die­se radi­ka­le Unter­ord­nung unter Chris­tus. Er schreibt in Gala­ter 2,20: “Ich lebe, doch nun nicht ich, son­dern Chris­tus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glau­ben an den Sohn Got­tes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahin­ge­ge­ben.” Die­se Hal­tung ist her­aus­for­dernd in einer Zeit, in der Selbst­ver­wirk­li­chung und per­sön­li­che Auto­no­mie als höchs­te Güter gel­ten.

Jesus ist nicht nur ein Leh­rer, ein Vor­bild oder ein geist­li­cher Weg­wei­ser, er ist Gott selbst. Die­se Wahr­heit steht im Zen­trum des christ­li­chen Glau­bens, und sie ent­schei­det dar­über, ob wir Jesus ledig­lich bewun­dern oder ob wir ihn anbe­ten. Vie­le ver­su­chen, die­se Wahr­heit mit dem Ver­stand zu erfas­sen, doch sie über­steigt jedes mensch­li­che Den­ken. Wer sie nicht begrei­fen kann, soll sie glau­ben; denn der Glau­be trägt wei­ter als das Den­ken. Die ers­ten Chris­ten bekann­ten Jesus als Herrn, weil sie in ihm den leben­di­gen Gott erkann­ten, der Mensch gewor­den ist. Die­se Erkennt­nis ist nicht das Ergeb­nis intel­lek­tu­el­ler Leis­tung, son­dern ein Geschenk des Hei­li­gen Geis­tes. Und wer Jesus als Gott bekennt, stellt sein Leben unter eine Auto­ri­tät, die grö­ßer ist als jede mensch­li­che Idee von Frei­heit oder Selbst­ver­wirk­li­chung.

Wenn wir die­se Ein­gangs­ver­se des Ephe­ser­briefs auf unser eige­nes Leben anwen­den, stel­len sich meh­re­re wich­ti­ge Fra­gen. Ver­ste­hen wir, dass auch wir durch den Wil­len Got­tes beru­fen sind, nicht zufäl­lig an dem Ort leben, an dem wir uns befin­den, und die Men­schen um uns her­um nicht ohne Grund in unse­rem Leben sind? Neh­men wir unse­re Iden­ti­tät als Hei­li­ge ernst, oder defi­nie­ren wir uns wei­ter­hin über unse­re Leis­tun­gen, unser Aus­se­hen oder unse­re sozia­len Rol­len? Leben wir wirk­lich in Chris­tus, blei­ben wir in die­ser Ver­bin­dung zu ihm, oder ist unser Glau­be eine Neben­sa­che, die nur sonn­tags eine Rol­le spielt? Emp­fan­gen wir täg­lich neu die Gna­de Got­tes, oder ver­su­chen wir krampf­haft, aus eige­ner Kraft ein gutes christ­li­ches Leben zu füh­ren? Erfah­ren wir den Frie­den Got­tes in unse­rem Her­zen, oder wer­den wir von Ängs­ten, Sor­gen und inne­rer Unru­he getrie­ben? Ist Jesus wirk­lich der Herr unse­res Lebens, oder behal­ten wir uns gewis­se Berei­che vor, in denen wir selbst bestim­men wol­len?

Die­se Fra­gen sind nicht ankla­gend gemeint, son­dern sol­len uns hel­fen, ehr­lich zu prü­fen, wo wir ste­hen. Die gute Nach­richt ist, dass Got­tes Gna­de grö­ßer ist als unser Ver­sa­gen. Pau­lus beginnt sei­nen Brief nicht mit Vor­wür­fen oder For­de­run­gen, son­dern mit einem Segens­wunsch. Das zeigt, dass Gott uns zuerst mit sei­ner Lie­be und Gna­de begeg­net, bevor er irgend­et­was von uns erwar­tet. Der Theo­lo­ge Diet­rich Bon­hoef­fer schrieb in sei­nem Werk “Nach­fol­ge”: “Bil­li­ge Gna­de ist der Tod­feind unse­rer Kir­che. Teu­re Gna­de ist der ver­bor­ge­ne Schatz im Acker, um des­sent­wil­len der Mensch hin­geht und mit Freu­den alles ver­kauft, was er hat.” Die­se Wor­te mah­nen uns, die Gna­de Got­tes nicht leicht­fer­tig zu neh­men, son­dern sie als das zu erken­nen, was sie ist: das kost­bars­te Geschenk, das uns je gemacht wur­de.

In einer Welt, die von Unsi­cher­heit, Kon­flik­ten und inne­rer Zer­ris­sen­heit geprägt ist, haben wir als Chris­ten eine Bot­schaft der Hoff­nung. Wir kön­nen ande­ren von der Gna­de erzäh­len, die Leben ver­än­dert, und von dem Frie­den, der tie­fer geht als alle mensch­li­chen Lösungs­ver­su­che. Aber wir kön­nen die­se Bot­schaft nur dann glaub­wür­dig ver­mit­teln, wenn wir selbst aus die­ser Gna­de leben und die­sen Frie­den in unse­rem eige­nen Leben erfah­ren. Die Ein­gangs­ver­se des Ephe­ser­briefs sind des­halb nicht nur his­to­ri­sche Wor­te an eine längst ver­gan­ge­ne Gemein­de, son­dern sie spre­chen auch heu­te zu uns. Sie erin­nern uns an unse­re wah­re Iden­ti­tät, an die Quel­le unse­res Lebens und an die Gaben, die Gott uns täg­lich schen­ken möch­te. Mögen wir die­se Wahr­hei­ten tief in unse­ren Her­zen bewe­gen und aus ihnen her­aus leben.